Eigentlich wusste man immer schon, dass auch Tiere Schutzengel haben.
Ich will euch aber die ganze Geschichte von Anfang an erzählen, das heißt, von Joschi will ich euch berichten: Von seinem traurigen Leben sollt ihr erfahren, und wie Alles ein so überraschendes und gutes Ende genommen hat: Joschi war ein betagter und überaus magerer Esel, der sehr harte Arbeit verrichten musste, wenn er am Leben bleiben wollte..
In aller Herrgotts Frühe ging es schon immer los! Nachdem sein Besitzer ausgeschlafen hatte, was in der Regel gegen 5:00 Uhr am Morgen war, schlurfte dieser hinaus aus seiner behaglichen Hütte, um Joschi zu seinem Arbeitsplatz zu treiben.
Joschi, der stets auf hartem Beton die Nächte verbringen musste, tat bereits der Rücken weh bevor er seinen beschwerlichen Dienst antrat. "Steh auf, du faules Tier", herrschte ihn dann der grausame Mann an und verband dem Eselchen zunächst die Augen mit einem schwarzen Tuch. Oft trat er dabei den Joschi in die Flanken und der Tritt des Mannes war überaus roh und schmerzte das Eselchen. Fast 7 Jahre ging das schon so. Joschis Besitzer wünschte sich, es würde noch viele lange Jahre so weiter gehen: Denn eines war klar, so lange der Esel schuftete, verdiente der Rohling gutes Geld an ihm! Nicht allen Tieren erging es so schlecht wie Joschi.
Er hatte schon gehört, dass es Pferde, Esel oder Maultiere gab, denen wurde ein ordentliches Lager aus Streu oder Stroh bereitet.
Immer nach getaner Arbeit bekamen diese glücklicheren Tiere am Abend etwas Ordentliches in ihren Fressnapf. Joschi hingegen konnte sich schon freuen, wenn ihm ein paar verdorbene Rüben vorgeworfen wurden und brackiges Wasser zum Trinken in der Schüssel war.
Oft legte er sich nach des Tages Mühsal mit hungrigem Magen und durstig in seinem Stall auf den blanken Boden nieder und verharrte dort reglos bis der neue Tag anbrach.
Freilich hatte Joschi bessere Zeiten kennen lernen dürfen!
Als er noch ein junges Fohlen war spielte er mit seiner Mutter auf einer Wiese und war sehr glücklich. Sie zeigte ihm alle Gräser und Kräuter, die ein Esel fressen konnte, säugte ihn, wenn er durstig und hungrig war, und umsorgte ihr Kind zärtlich. Viele lange Jahre lag dies alles zurück! Es war der schrecklichste Tag im Leben des Eselchens, als ein Fremder auf den Hof kam, das Tierchen kaufte, es ohne Federlesens einfach von seiner Mutter hinweg scheuchte, und es mit sich nach Hause nahm. Von da an hatte es keine glückliche Minute mehr gehabt. Viele harte Jahre waren seit diesem unseligen Tag vergangen, und die Mutter lebte gewiss schon lange nicht mehr. An einem Tag jedoch im späten August sollte sich für den Esel alles zum Guten wenden!
Dieser Tag, von dem ich hier noch ausführlich berichten will, nahm zunächst seinen Anfang, wie an jedem anderen Morgen. Nachdem dem Eselchen wieder die Augen verbunden worden waren, zerrte es der Rohling hinter sich her, und wie immer ging es zum Dorfplatz. Hier bei dem alten Brunnen war Joschis Arbeitsstelle. Er sollte den ganzen langen Tag über wieder das Trinkwasser aus der Tiefe an die Oberfläche befördern und musste sich dabei ohne Unterlass im Kreise um den alten Brunnen herum drehen.
Heute jedoch würde die Schinderei ihr Ende finden. Dies konnte Joschi natürlich nicht im Entferntesten ahnen! Alles nahm seinen Anfang, als sich ein Vogel ganz furchtlos auf dem Rand des Brunnens niederließ, und den Esel zunächst aufmerksam beobachtete, dann aber zu Zwitschern anfing.
Zuerst konnte der Joschi nichts davon verstehen.
Als der Vogel jedoch den Joschi mit seinem Namen anredete, war dieser mehr als verwundert, und lauschte aufmerksam was ihm der Vogel wohl zu erzählen hatte.
"Ich kann dir helfen, wenn du genau das tust, was ich dir sagen werde", vernahm Joschi jetzt ganz deutlich, und er spitzte angestrengt seine langen Ohren.
"Heute Nachmittag werden hohe Herren und edle, reiche Damen zum Dorfplatze kommen. Sie wollen alle Sehenswürdigkeiten in Augenschein nehmen und auch den alten Dorfbrunnen besichtigen. Bei dieser Gelegenheit werden sie natürlich auch dir bei deiner trostlosen Arbeit zusehen müssen. Das ist deine Chance, mein Eselchen! Wenn die Herrschaften bei dir angekommen sind, werde ich es dir sagen, denn du kannst sie ja nicht sehen wegen deiner Augenbinde. Bleibe sodann unverzüglich stehen, und gehe keinen einzigen Schritt mehr vorwärts, was immer auch der Alte tun wird. Je zorniger und böser er sein wird, desto trotziger bleibe du an Ort und Stelle stehen!. Ganz so, als wärst du fest genagelt! Sollte er dich dann mit dem Stocke schlagen, was mit Sicherheit geschehen wird, so freue dich, denn er wird es nicht mehr lange tun!" So sprach das Vögelchen, und nur Joschi konnte verstehen, was es sprach. .
Als sich nun am Nachmittag tatsächlich eine Gruppe vornehmer Damen und Herren um den Dorfbrunnen versammelt hatte, staunte Joschis Besitzer nicht schlecht, als dieser sich mit einem Mal nicht mehr bewegte. Stocksteif blieb er einfach stehen. Es half kein Drohen, kein Geschrei, und auch Stockschläge konnten den Esel nicht dazu bringen weiter im Kreise herum zu gehen.
Entsetzt sahen die fremden Gäste dem Treiben des Rohlings zu. In ganz kurzer Zeit bildeten sie einen Kreis und besprachen sich unter einander. Was sie dort sehen mussten, war eine solche Qual und eine solche Rohheit! Etwas Derartiges hatten sie noch niemals zuvor gesehen. Sie wollten dem unglücklichen Esel und damit zugleich auch dem gesamten Dorfe helfen.
Dort nämlich wo sie zu Hause waren, kannte man eine solche Einrichtunmg schon seit ewigen Zeiten nicht mehr. Da gab es Wasserleitungen, und man drehte einfach am Wasserhahn, wenn man frisches Wasser haben wollte. Das war alles.
So beschlossen die Herrschaften, eine elektrische Pumpe an diesem Dorfbrunnen installieren zu lassen, und das geschah noch am gleichen Tage. Sie sollte ab jetzt das Trinkwasser aus der Tiefe herauf befördern, dazu brauchte man nun nicht mehr den armen mageren Esel. Jubilierend schwang sich alsbald der hilfreiche Vogel in die Höhe und flog davon.
Joschi wusste nicht, wie ihm geschah. Nachdem er überflüssig geworden war, hatte sich eine der Damen seiner angenommen. Sie löste auch sogleich die Augenbinde von seinem Gesicht und schaute ihm ganz tief in seine traurigen dunklen Augen.
Sie verliebte sich sofort in das Eselchen, und nahm es mit zu sich nach Hause.
Hier wurde Joschi von seiner neuen Besitzerin so verwöhnt, als wäre er ihr eigenes Kind. Auf seinem Lager war jetzt immer frisches Stroh, und täglich wurde es erneuert. Zum Essen und Trinken gab es reichlich. Er wurde nun auch gebürstet und zärtlich gestreichelt. Eine liebe Eselin gehörte ebenfalls zur Familie seiner neuen Herrin. Die beiden Esel hatten auch stets freien Zugang zu einer großen Wiese, denn die Tür des Stalles wurde niemals verriegelt. Ein unvorstellbar glückliches Leben wartete jetzt auf Joschi. Er war absolut im Himmel angekommen!
Niemals aber hatte er erfahren, wer in Wahrheit der kleine Vogel war, der ihn aus seiner großen Not gerettet hatte.
Der Vogel aber war niemand anderes als der Schutzengel der Esel, Pferde und Maultiere gewesen, denn Schutzengel können zu jeder Zeit in jeglicher Gestalt erscheinen und ihren Schutzbefohlenen zu Hilfe kommen.
© Sigrid Löllmann